Kleiner dicker fieser Gnom

Es fällt mir nicht ganz leicht, es zuzugeben aber ich werde verfolgt. Ich werde beobachtet. Mein Verfolger weiß, wann ich schlafen gehe, was ich im Laufe des Tages esse, über welche Witze ich lache und wann ich das letzte Mal geflucht habe. Schlimmer noch, er kennt meine Gedanken. Oft sogar noch bevor ich sie selbst kenne.Das alles ist ja schon schlimm genug, aber es kommt noch erschwerend hinzu, dass ich absolut nichts gegen meinen Verfolger unternehmen kann. Er lässt einfach nicht von mir ab. Es ist egal ob ich ihm drohe, ihn anschreie, heule, sachlich diskutiere, unsachlich diskutiere, flehe oder ihn erpresse. Ich werde ihn einfach nicht los.

 

Das hört sich gruselig an. Ich kann Dir jedoch versichern, dass ich mich nicht in akuter Gefahr befinde. Mittlerweile habe ich mich auch mit meinem Verfolger abgefunden. Notgedrungen... Ich kann ja eh nichts gegen ihn unternehmen...

 

Ich bin mir sicher, dass Du den Kerl sogar selbst kennst. Bei Dir heißt er vielleicht "innere Stimme", "Schicksal"  oder "Schweinehund". Bei mir heißt er "Kleiner dicker fieser Gnom".

 

Es gibt Tage, an denen ich meinen kleinen dicken fiesen Gnom nicht wirklich wahrnehme. Doch es gibt auch Tage, an denen er sich dermaßen in den Vordergrund drängt, dass es mich einfach nur nervt. So war es auch heute morgen. Aber lese selbst, was er sich da wieder mal erlaubt hat:

 

Es ist 7 Uhr in der Frühe. Ich bin noch etwas verschlafen und gerade dabei meine Schwimmbadtasche zu packen.

Mein kleiner dicker fieser Gnom, um diese Zeit natürlich schon unverschämt munter, tritt von hinten lautlos an mich heran.

"Was machst du da?" fragt er mit seiner tiefen Stimme.

Ich zucke erschrocken zusammen.

"Hergott noch einmal, schleich dich gefälligst nicht so an! Willst du mich zu Tode erschrecken?"

Der kleine dicke fiese Gnom antwortet darauf nicht...

Stattdessen schaut er mit großen Augen zu, wie ich ein Handtuch in die Tasche packe. Sein Blick fällt auf meinen Badeanzug. Das Entsetzen steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben.

"Du....du willst doch nicht...nein, du willst doch nicht wirklich sch...schw...schwimmen gehen?" fragt er. Seine Stimme ist plötzlich um fünf Oktave höher als sonst.

 

Ich halte im Packen inne und grinse ihn schadenfreudig an. "Doch, ich werde heute schwimmen gehen, und du kannst nichts dagegen unternehmen. Also ziehe gefälligst Leine!"

An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass ich sonst ein friedliebender Mensch bin. Im Falle des Gnoms liegt die Sachlage heute aber etwas anders. Vermutlich spielt da auch die gestrige Diskussion eine nicht unerhebliche Rolle. Es ging um nächtliche Schokoladengelüste. Ich verlor...

 

Doch zurück zum ursprünglichen Thema!

Der kleine dicke fiese Gnom zog natürlich keine Leine. Stattdessen versuchte er mich mit aller Macht davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee sei, heute Vormittag schwimmen zu gehen: zu kalt, zu nass, zu zeitaufwendig, zu anstrengend, zu teuer (für das Eintrittsgeld könnte ich mir auch ein leckeres Stück Kuchen kaufen) usw.

Argumente hatte er ja reichlich - aber keine, die mich überzeugten. Da half es auch nichts, dass er mir zornig und mit hochrotem Kopf zum Auto folgte und mich anflehte, daheim zu bleiben.

Ich kenne den Gnom ja nun schon etwas länger. Daher machte ich das Einzigste, was ihn zum Verstummen bringt: ich zog ohne ein Wort mein Vorhaben durch.

 

Beim Schwimmbad angekommen, warf ich noch einen letzten Blick auf den Gnom. Er stand mit verschränkten Armen da, die Lippen fest aufeinander gepresst und funkelte mich wütend an. Mittlerweile wusste er, dass es nichts gab, mit dem er mich aufhalten konnte.

Ich grinste ihn noch einmal böse an, schulterte meine Tasche und betrat das Schwimmbad.

 

Es folgten zwei herrliche Stunden. Ich schwamm im warmen Wasser, genoss die Stille, die Bewegung und powerte mich mit ein paar zügigen Bahnen aus. Ich genoss das Sonnenlicht, welches sich im Wasser spiegelte und hing meinen Gedanken nach. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, heute schwimmen zu gehen.

 

Frisch geduscht, zufrieden und mit wohlig warmen Gliedern, verließ ich am späten Vormittag das Schwimmbad.

Der kleine dicke fiese Gnom stand noch immer (oder schon wieder?) vor dem Eingang. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schaute mich mit einem gelangweilten Blick an.

"Und?" fragte er, "wie war es?"

"Toll," antworte ich ihm kurz angebunden. Was sollte ich ihm auch antworten, dem alten Miesepeter?

 

Der kleine dicke fiese Gnom folgte mir zum Auto. Schweigend schaute er mir dabei zu, wie ich die Tasche im Kofferraum verstaute. Als ich losfuhr, sagte er noch immer kein Wort. Etwas irritiert, warf ich ihm einen fragenden Seitenblick zu, doch er starrte nur stumm aus dem Fenster.

Na gut, dachte ich, dann schweigen wir eben. Gut gelaunt summte ich vor mich hin und steuerte den Heimweg an. Für dieses Mal hatte ich gewonnen. Doch wer kann schon sagen, wie es beim nächsten Mal sein wird?

 

Wie sieht es mit Deinem "kleinen dicken fiesen Gnom" aus?

In welchen Situationen bist Du mit ihm unterschiedlicher Meinung?

 

Tanja und ihr kleiner dicker fieser Gnom

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Kommentare: 2
  • #1

    Marie (Samstag, 04 Februar 2017 11:29)

    Ich bin noch nie auf die Idee gekommen meinem Leben eine Gestalt zu geben. Was für eine geniale Idee.
    Ich glaube, mein Leben sieht aus wie eine Hexe.
    Schreibst du noch mehr über deinen Gnom? Ich würde gerne noch mehr lesen.

  • #2

    Tanja - Meine Kraftquelle (Samstag, 04 Februar 2017 12:14)

    Hallo Marie,
    vielen Dank für Deine Nachricht. Ich finde, dass eine Hexe auch ein “bezauberndes“ Bild für das Leben ist. Es gibt ja durchaus auch Hexen, die mit ihren Kräften nicht nur Chaos, sondern auch Positives bewirken können. ;-)

    Weitere Beiträge mit und über meinen Gnom wird es auf jeden Fall geben. Erst kürzlich hatte ich wieder eine Begegnung mit ihm, die es in sich hatte...

    Viele Grüße von Tanja